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Wir beide wussten, es war was passiert

TERMINE 2020

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Deutschsprachige Uraufführung

Wir beide wussten, es war was passiert

(nach dem gleichnamigen Roman von Steven Herrick in der deutschen Übersetzung von Uwe-Michael Gutzschhahn (c) by Thienemann Verlag in der Thienemann Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart)

An einem verregneten Nachmittag irgendwo in einem kleinen Kaff in Australien. Billy Luckett, ein 16- jähriger Junge, beschließt seinen alkoholabhängigen und gewalttätigen Vater zu verlassen und von Zuhause abzuhauen. Er springt auf einen vorbeifahrenden Güterzug und fährt bis nach Benderat, einem Städtchen irgendwo im Osten Australiens. Auf dem Bahnhof richtet er sich in einem leerstehenden Waggon ein und begegnet dem Säufer Old Bill, der in dem Waggon direkt neben ihm haust. Bald darauf lernt er in einem Fastfood Restaurant, in dem er heimlich die Essensreste der anderen Gäste verzehrt, das Mädchen Caitlin kennen, die dort als Bedienung arbeitet. Nach und nach freundet sich Billy mit ihr und auch mit Old Bill an, bis er eines Tages der Polizei in die Arme läuft.

KAFKA.OFF.BUREAU

fortlaufend

KAFKA.OFF.BUREAU

Ministerium für Einsamkeit

Abteilung 1: KAFKA.OFF.BURRAU 

In Zeiten der Kontaktsperren wollen wir Wege finden, um uns TROTZDEM zu begegnen. Wir sind überzeugt davon, dass es sich auch für Theaterschaffende lohnt, nach diesen Wegen zu suchen, dass es Sinn macht, weiter in Kontakt zu bleiben, auch wenn das aktuell nur in beschränktem Maße möglich ist. Denn das Theater, wie wir es verstehen, ist eine soziale Kunstform. Sie lebt vom (spielerischen) Austausch, von Gesprächen, Begegnungen und Diskussionen. In der Zeit von Kontaktsperren und Theaterschliessungen sind Proben und Aufführungen, wenn überhaupt, nur unter sehr eingeschränkten Voraussetzungen möglich.

In diesem Schwebezustand entsteht gerade das KAFKA.OFF.BUREAU.

Liebes Publikum, liebe Freunde und Kollegen,

Hurra! Endlich ist die Episode von WAS FÜR EIN THEATER über fensterzurstadt auf der FT Homepage online. Dort gibt es zur Zeit noch 5 weitere Clips von freien Theatern in Hannover. Auch die sind sehr sehenswert! Wir freuen uns und bedanken uns bei Ninia La Grande und der Teufelsküche für den Bericht!
 

STATEMENT DER FREIEN TANZ- UND THEATER SZENE HANNOVER

WIR FORDERN 350.000 EURO MEHR FÖRDERMITTEL FÜR DAS ÜBERLEBEN DER FREIEN THEATERSZENE HANNOVERS

Im vergangenen Jahr hat die Politik auf Betreiben der FTH eine Erhöhung des Theater-Etats um 150.000 Euro beschlossen. Der Jubel war groß. Was allerdings folgte war eine erschütternde Ernüchterung. Im Topf der freien Antragsteller*innen verblieb weniger als zuvor. 
Was war passiert?

1. Die Verstetigung von Projektmitteln für die geförderten freien Spielstätten für vier Jahre führte zur erheblichen Verringerung der Mittel.

2. Es wurde ein neuer Topf für die Tanzförderung eingerichtet.

Damit flossen insgesamt mehr Mittel aus dem Gesamttopf ab, als ihm frisch zugeführt worden waren. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Wir begrüßen sowohl die Entscheidung der Kulturpolitik, den freien Tanz besonders zu fördern und damit Anreize für die Weiterwicklung der Tanzszene unserer Stadt zu geben als auch die Planungssicherheit, die durch die Verstetigung von Mitteln entsteht.

Wir kritisieren jedoch, dass der Weg dorthin für alle Betroffenen überaus intransparent war (Offenbar wusste selbst der Theaterbeirat nicht, dass seine bewilligten Mittel anschließend für mehrere Jahre festgeschrieben werden würden). 
Und wir kritisieren, dass die Fördermittel bestimmten Sparten zugewiesen werden. Das widerspricht den Entwicklungen der freien Kunst- und Theaterszene. Und es widerspricht dem erklärten Willen der FTH.

Die Förderung einer Sparte der freien Tanz- und Theaterszene Hannovers darf nicht auf Kosten der anderen Sparte gehen! 
Daher fordern wir weitere 350.000 Euro an Fördermitteln für die FTH und unterstreichen, dass die neu geforderten Mittel den freien Antragssteller*innen zur Verfügung stehen müssen: im  jetzigen Theatertopf für Grund-und Projektfördermittel, um hier die ursprünglich angestrebte Möglichkeit zu verwirklichen, die stets steigende Honoraruntergrenze berücksichtigen zu können! Der Topf für Grundförderungen und freie Produktionsmittel soll ein Volumen erhalten, das zum einen der Entwicklung der freien Szene in unserer Stadt gerecht wird und zum anderen ein Zeichen in Richtung Kulturhauptstadt setzt.

OFFENER BRIEF ZUR SITUATION VON FENSTERZURSTADT

Im April 2018 fand zum vierten Mal das >Best Off< -Festival der Stiftung Niedersachsen in Hannover statt. 6 bemerkenswerte Produktionen aus der Freien Theaterszene waren eingeladen.  4 dieser Produktionen wurden von Freien Theatern aus der Landeshauptstadt präsentiert. Johannes Kirsten, Dramaturg am Schauspiel Hannover, gehörte zur Auswahljury und bemerkte in seiner Eröffnungsrede:

“Die Stadt- und Staatstheater erhält inzwischen zahlreiche Impulse aus der freien Szene, die ihre Themen oft deutlich beherzter jenseits eines etablierten Theaterkanons wählen. Eine solche Vielheit von Formen, Inhalten und Ästhetiken bereichert die gesamte Theaterlandschaft.“ Er folgert sehr richtig daraus, dass „die Bedingungen der freien Szene sich verbessern müssen.“ Auch Gunter Dunkel, der das Festival für die Stiftung Niedersachsen als deren Präsident eröffnete, verwies darauf, „wie wichtig freies Theater als Impulsgeber sei – auch dafür, die Kunst immer weiterzuentwickeln.“

Mit unserer Stellungnahme wollen wir diese Thesen unterstreichen und uns für die Erhöhung der Fördermittel für Freies Theater einsetzen! Nachdrücklich unterstützen wir die Stellungnahme der Freien Theater Hannovers, die wir mitverfasst haben und die auf der Homepage der FTH einzusehen ist. 

 

Seit 2011 fand das >Best Off< Festival viermal statt und fensterzurstadt war dreimal nominiert und eingeladen. So oft wie kein anderes Theaterensemble in Niedersachsen. Auf  dem diesjährigen >Best Off< Festival zeigten wir die Koproduktion mit der Theaterwerkstatt Hannover >Als mein Vater ein Busch wurde und ich meinen Namen verlor<.  2016, der vorletzten Ausgabe vor zwei Jahren, waren wir mit der Produktion >Im Schatten des Mondes< und bei der ersten Ausgabe des Festivals 2011 waren wir mit >Die Nacht, die Lichter< eingeladen.

„Das Theater fensterzurstadt  hat mit dieser Inszenierung wieder einmal gezeigt, was Freies Theater unter guten Bedingungen sein kann. Diese Inszenierung ist klug, kreativ,  unterhaltsam, bedrückend und berührend zugleich und steht deshalb im Rahmen des Festivals ‚Best OFF’ für eine der interessantesten Theatersprachen aus der Freien Szene Niedersachsens“ begründete  Lavinia Francke als Mitglied der Auswahljury die Einladung unserer Produktion >Die Nacht, die Lichter< im Programmheft vom ersten >Best OFF< Festival im Jahr 2011.                                                               

Theater fensterzurstadt existiert seit bald 17 Jahren. Nach den ersten drei Produktionen >Das Fenster zur Stadt<  im Kunstraum zehn an der Limmerstrasse, >Viva – die Trabantenstadt lebt< und >Die Welt ist All.Kauf< im Ihmezentrum Hannover, die wir in Kooperation mit dem Verein Kunst in Kontakt (kik e.V.) realisierten, gründete sich das Theaterkollektiv fensterzurstadt, das seitdem mit Dramatisierungen literarischer Texte, themenbezogenen Eigenproduktionen, und mit  partizipativen Theaterprojekten, wie der mehrteiligen Projektreihe >Hannover mon Amour<, an unterschiedlichsten Schauplätzen im öffentlichen Raum wie dem Ihmezentrum Hannover, dem Amtsgericht am Volgersweg und vielen weiteren Orten in der Region Hannover, zuletzt in dem Dorf Poggenhagen bei Neustadt am Rübenberge ein begeistertes Publikum gefunden und sich zu einem namhaften Teil der freien Kulturszene Hannovers und des Landes Niedersachsen entwickelte. Einladungen zu Festivals und Gastspielen führten uns in viele deutsche Städte, nach Österreich, in die Schweiz, nach Japan und Korea, demnächst auch nach Marokko.    

 

Die Formensprache und Projektvielfalt der Arbeiten von fensterzurstadt bildet sehr gut  den innovativen und die Grenzen der Künste sprengenden  Formwillen des freien Theaters ab. Einfach war dieser Weg nie. Als fensterzurstadt für seine Eigenproduktion >Ich, Ich, Ich< 2005 mit dem renommierten Kultur- und Ideenpreis >pro visio< der Stiftung Kulturregion Hannover als erstes freies Theater ausgezeichnet wurde, betonte der damalige Stiftungsvorstand und Regionspräsident Dr. Michael Arndt: „Für uns als kulturfördernde Stiftung in der Region Hannover ist das Signal, dass wir mit der Auszeichnung unseres Kulturpreises verbinden, wichtiger denn je. Gerade der Bereich der freien Kulturarbeit hat nicht zuletzt durch unsere Preisträger gezeigt, dass er ausgesprochen innovativ und kreativ ist. Dass er es versteht, sich immer neue Wege und Ausdrucksmöglichkeiten zu suchen und Schwellenängste zum Publikum abzubauen. Wir möchten noch deutlicher auf diesen eher unscheinbaren freien Kulturbereich aufmerksam machen, der so wichtige kulturelle Arbeit leistet und dies in der Regel nah am Rande der Selbstausbeutung.“

https://www.stiftung-kulturregion.de/formate/kulturpreis-pro-visio/preistraeger-bis-heute.html

https://www.stiftung-kulturregion.de/fileadmin/docs/provisio/PM_Preisverleihung_IchIchIch.pdf

 

An diesem Zustand hat sich in der Zwischenzeit nichts Wesentliches geändert. Dennoch konnte sich fensterzurstadt in den vergangenen Jahren künstlerisch weiter entwickeln, die meisten seiner Projektideen realisieren und mit dem Ausbau der Alten Tankstelle in der Striehlstrasse zum temporären Spielort und Veranstaltungsraum freier Kulturprojekte  in der Kulturszene Hannovers etablieren, wurde neben den Einladungen zu den >Best OFF< Festivals und dem >pro-visio< Preis auch mit dem >Preis- für Freies Theater< und dem >Preis für freies Kinder- und Jugendtheater< der Niedersächsischen Lottostiftung ausgezeichnet.

 

Diese Auszeichnungen haben uns immer wieder zur Fortsetzung unserer Arbeit ermutigt.  Finanzieren können wir sie damit nicht.  Trotzdem ist es sehr wichtig, dass Festivals wie >Best Off< stattfinden. Sie geben dem Freien Theater ein Forum und tragen dazu bei, dass sich die Überzeugung, dass das Freie Theater eine große Bedeutung für die Entwicklung der darstellenden Künste hat, durchsetzt, wie von Johannes Kirsten und Gunter Dunkel bei der Eröffnung des diesjährigen >Best Off< Festivals nochmals unterstrichen wurde. Mit Sicherheit hat auch die Arbeit von fensterzurstadt, wie auch die Arbeit der anderen freien Theater in Hannover, im Land Niedersachsen und im ganzen Bundesgebiet zu dieser Einsicht beigetragen.  Hier werden nicht nur neue Ideen entwickelt, sondern immer wieder auch Arbeitsstrukturen und Produktionsbedingungen neu gestaltet und gedacht. Mit der Eroberung dieses künstlerischen Freiraums hat das freie Theater  ganz selbstverständlich auch für junge KünstlerInnen und neue Gruppen an Attraktivität gewonnen. Das ist sehr positiv und unterstreicht die Bedeutung der freien Theaterarbeit als Impulsgeber für die darstellenden Künste. Es ist auch ein Beleg für die große und immer wieder überraschende Lebendigkeit der freien Szene.

Dieser Entwicklung folgt aber keine wirklich nennenswerte Entwicklung der Förderung des freien Theaters. In Hannover und im Land Niedersachsen gibt es immer mehr Gruppen und Anträge, die Förderung freier Theater erhöht sich aber im Verhältnis zu diesem Wachstum an kreativem Potential, wenn überhaupt, nur gering. In Hannover hat die Einrichtung der Spielstättenförderung, die grundsätzlich zu begrüßen ist, für die meisten Ensembles aber keine Verbesserung der angespannten Lage erbracht, während sich zur gleichen Zeit neue Künstler*innen und Gruppen (wie zum Beispiel Landerer & Companie, die Fräulein Wunder AG, Theaterspiele Mazzotti, Theater sýstema, Theater Erlebnis, Theater in der List, die Agentur für Weltverbesserungspläne oder Operation Wolf Haul) in der Stadt angesiedelt haben und ihre Projektanträge bei der Stadt Hannover einreichen.  Diese Entwicklung findet im Land Niedersachsen in zumindest vergleichbarem Ausmaß statt.

Die Folgen sind augenfällig: nachdem fensterzurstadt (in drei aufeinanderfolgenden Förderzeiträumen) neun Jahre lang neben der Grundförderung der Stadt Hannover auch Konzeptionsförderung des Landes Niedersachsen erhalten hatte, wurde unser Antrag für den Förderzeitraum 2016 – 2018 vom Theaterbeirat zur Förderung des Freien Theaters in Niedersachsen negativ beschieden. 2016 erhielten wir für beide von uns eingereichten Projektanträge Förderung durch das Ministerium für Wissenschaft und Kultur, 2017 nur noch für eines von zwei und in 2018 dann gar keine Projektförderung mehr. Der Theaterbeirat der Stadt Hannover hatte für das vergangene Jahr 2017 ein großes Projekt unseres Theater zur Förderung empfohlen und das zweite beantragte Projekt auf die Liste zwei der empfohlenen Projektanträge gesetzt, verbunden mit dem  an die Kulturpolitik herangetragenen Anliegen, den Etat für freies Theater  um 100.000,00 € zu erhöhen. Diesem Anliegen wurde leider vom Kulturausschuss der Landeshauptstadt nicht zugestimmt. In diesem Jahr 2018 wurden dann beide Projektanträge negativ beschieden. Die Ablehnungen der Projektanträge wurden immer mit dem Hinweis verbunden, dass die Zahl der eingereichten Projektanträge bei Weitem die vorhandenen Fördermittel übersteigen. Auf Nachfragen wurde uns immer wieder bestätigt, dass die Ablehnung unserer Projektanträge nicht am Mangel der künstlerischen Qualität unserer Arbeiten liegt. Die Einladungen zu den >Best OFF< Festivals in 2016 und 2018 dürften das, unserer Einschätzung nach, ebenfalls bestätigen.

Selbstverständlich wissen wir, dass wir uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen können. So funktioniert freies Theater nicht. Die Suche nach Entwicklung und Impulsen gehört lebensnotwendig zu dieser Kunst. Wir müssen oder dürfen uns immer wieder neu erfinden. Das ist immer wieder eine Herausforderung, aber auch ein Grund für die Begeisterung, mit der wir arbeiten. Dass der Mangel an Sicherheit, die persönlichen Entbehrungen, die die meisten Künstler*innen, die in diesem Bereich arbeiten, auf sich nehmen, ganz selbstverständlich zu der Kunst gehören soll, ist zumindest diskussionswürdig. Das Bild von der brotlosen Kunst und den armen Künstler*innen ist nicht nur immer noch tief  in Gedanken und Köpfen verankert, sondern hat auch immer noch gesellschaftliche Realität. Was helfen Preise und Auszeichnungen, wenn damit die Existenz nicht mehr gesichert werden und die Arbeit, die man liebt, nicht mehr finanziert werden kann?

Das freie Theater wurde in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder gerne als Experimentierfeld für junge Theatermacher auf ihrem Weg in die etablierten Institutionen beschrieben. Die Entwicklung des freien Theaters sollte diese Behauptungen inzwischen hinlänglich wiederlegt haben.  Sie sind mit Blick auf die Hingabe und Begeisterung, mit der im freien Theater gearbeitet wird, überaus zynisch und ohne jede Weitsicht. Denn sie ignorieren die demoskopische Entwicklung in unserem Land, die doch inzwischen  jeder und jedem, kulturinteressiert oder nicht, bekannt sein sollte.  Über einen langen Zeitraum hat unser Ensemble, wie viele andere freie Theater, einen großen Publikum niederschwellig Zugang zu neuen und experimentellen Formaten geebnet, es unterhalten und herausgefordert, den Stadtraum als Spielort entdeckt und nachhaltig die Sehgewohnheiten seiner Zuschauer*innen geschult. Von dieser publikumsnahen, oft auch partizipativen Arbeit und Kunst profitieren auch die Stadt- und Staatstheater.

Beim >Best Off< Festival vor zwei Jahren war unsere Gruppe die älteste Theaterformation. Die fünf weiteren nominierten Gruppen kamen aus der Generation von  jungen Theatermachern*innen, die an der  Universität Hildesheim studierten oder studiert haben. An dieser Universität haben auch  die meisten Mitarbeiter*innen unseres Ensembles ihr Handwerk gelernt und ihre Liebe zum freien Theater entwickelt. Beim >Best Off< Festival in diesem Jahr waren in der Mehrzahl erfahrene Künstler*innen und Gruppen nominiert. Unserer Ansicht nach ist das kein Widerspruch oder Willkür der Auswahljury.  Es  zeigt vielmehr, dass beide Generationen ihren Platz in der freien Theaterszene haben und haben müssen. Sie können voneinander lernen und profitieren. Denn die Attraktivität des Freien Theaters wird mit Sicherheit nicht wachsen, wenn sich nach und nach die Erkenntnis durchsetzt, dass sich mit dieser Kunst selbst beim besten Willen kein  Leben unterhalten lässt und der Gewinn von Preisen und Auszeichnungen zwar motiviert, aber schlussendlich auf einen persönlichen Irrweg führt.

Das gilt für die älteren, oder sollten wir besser sagen  erfahrenen Gruppen und Formationen, die um den Erhalt neuer Spielorte wie der alten Tankstelle kämpfen oder über Jahrzehnte an dem Aufbau von Theaterräumen und Spielstätten wie beispielsweise der Eisfabrik, dem Alten Magazin oder dem Pavillon Hannover gearbeitet haben. Es braucht den langen Atem und die Menschen, die den Projekten des freien Theaters mit ihrem Engagement Leben einhauchen ebenso wie die jungen Theatermacher*innen, die auch ihre Projektideen  in diesen über Jahrzehnte mit großer Kraft, Hingabe und persönlichen Einsatz aufgebauten kreativen Spielräumen verwirklichen wollen.

In diesem Jahr müssen wir feststellen, dass die aktuelle Fördersituation uns in prekäre Verhältnisse führt. Erstmals stehen wir, wie schon beschrieben,  ohne Projektförderung durch die Stadt Hannover und durch das Land Niedersachsen da. Wie es weitergehen wird und kann, wissen wir nicht. Die berechtigte Forderung nach der Vergütung der künstlerischen Mitarbeiter auf Basis der vom Bundesverband empfohlenen Honoraruntergrenze ist sinnvoll, führt aber (nicht allein) in unserem Fall dazu, das wir gerade ein Projekt in diesem Jahr machen können. Über das ganze Jahr gesehen lässt sich damit keine Existenz oder der Unterhalt von Kindern und Familie finanzieren. Wir wollen nicht jammern. Erfindungsreichtum und Flexibilität gehört zu unserem Geschäft, aber wir müssen uns andere Einnahmequellen und neue Betätigungsfelder suchen. Dass diese nicht allein im Bereich der freien Kunst zu finden sein werden, ist wahrscheinlich. Unser Leben wird sich verändern und das Jahr wird zeigen in welchen Massen wir neue Weg finden,  um die Arbeit in  unserer Gruppe doch fortsetzen zu können.

Natürlich gelingt nicht jedes Projekt gleich gut, aber Entwicklung ist nur auf dem Umweg des Scheiterns möglich. Wenn aber die Förderstrukturen so eng sind, dass Projektideen, die das Risiko des offen Prozesses wagen, erst in der Produktionsphase  reifen und sich ausformen, auf Grund mangelnder Fördergelder und der Vielzahl von Anträgen von der Förderung ausgeschlossen bleiben, auch weil sie im Vergleich den Entscheidungsgremien zu wenig Konkretes bieten, werden über kurz oder lang auch Innnovationen, überraschende Einsichten und Impulse ausbleiben.

Für uns ist klar:  eine (deutliche) Erhöhung der Fördermittel ist dringend notwendig. In der aktuellen finanziellen Situation können die Kuratoren und die Theaterbeiräte nur Verwalter des Mangels sein. Darum sind sie nicht zu beneiden. In der Flut der Anträge sind sie nur zu einem kleinen Teil Förderer. Zu einem viel größeren Teil müssen sie Verhinderer sein. Auch der Druck, der auf den Gruppen lastet, wird größer, fördert nicht den künstlerischen Austausch, sondern die Konkurrenz, wo im Grunde Solidarität gefordert ist. Das Theater als soziale Kunstform lebt vom Mitgefühl, fordert und fördert Empathie. Eine Gesellschaft, die immer mehr an Egoismus,  Vereinzelung, Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit krankt, braucht diese Fähigkeiten mehr denn je. Im Theater können wir sie lernen. Da ist nahezu jeder Euro gut investiert!

Wenn wir also den Worten Glauben schenken dürfen, die die Bedeutung des Freien Theaters zu Recht unterstreichen, wenn wir die Existenz des freien Theaters sichern und seiner Entwicklung eine Zukunft geben wollen,  sollte die Förderung für diese allseits gelobte Kunst dringend erhöht werden. In einer Stadt, die sich den Bau eines Schlosses als kulturellen „Leuchtturm“ leisten kann, in der sich zur gleichen Zeit die Arbeitsmöglichkeiten und Existenzgrundlagen der freischaffenden Künstler*innen, die ihre besonderen und ausgezeichneten Ideen aus den Geschichten der Menschen und der  Stadt, in der sie leben und arbeiten, schöpfen, zusehends verschlechtern, sollte es doch Möglichkeiten geben diese schwierigen Verhältnisse zu verändern und zu verbessern.  Das gilt im Besonderen für eine Stadt, die sich als Kulturhaupstadt Europas bewerben will, ebenso wie für ein Bundesland, in dem gleich mehrere Städte um diese Aufgabe und Herausforderung konkurrieren.

 

Carsten Hentrich

für   fensterzurstadt

Wir beide wussten_Foto A_Ruth Rutkowski